Paradoxien oder aus zwei mach eins

Paradoxien sind in unserem heutigen Denken Vorgänge, die nicht sein können, weil in ihnen zwei (oder selten mehrere) Zustände angenommen werden, die sich gegenseitig ausschließen.

Ich sage bewußt "in unserem heutigen Denken", weil es durchaus paradoxe Situationen gibt (Jeder Mensch ist ein Paradoxon in sich). Das Manko liegt also nicht in der Realität, sondern in der Art des Denkens über die Realität.

Unser heutiges technisches Denken fordert Widerspruchsfreiheit.
Auch unseren heutigen Netzwerkmodellen ist dies implizit, es gibt Beziehungen zwischen den Netzobjekten oder nicht, aber es gibt keine "bißchen" Beziehungen und auch nicht mehrere Beziehungen zwischen denselben zwei Objekten. So ist eine Situation eben so, wie sie ist, und nicht anders oder gar konträr entgegengesetzt.

Doch gerade dies ist der Fall.

Je nachdem, wie eine Situation gedacht wird, erscheint sie in verschiedenen Zusammenhängen völlig verschieden. Um weiter handlungsfähig bleiben zu können, muß, so wird häufig gemeint, eine klare Grundlage, sprich eine feststehende Wahrheit, bestehen. Diese Wahrheit wird von den Mächtigsten der an der Situation Interessierten bestimmt. Alle anderen Wahrheiten werden verboten und bekämpft.

Dieses Streben nach eindeutigen Beziehungen ist typisch für ein zweidimensionales Denken, das keine inneren Bedeutungstiefen kennt. Doch gerade diese Widersprüche, die Paradoxien, geben uns die große Chance, uns ein wenig aus diesem flachen Bezugsrahmen zu lösen. Indem sich uns Situationen paradox vorstellen, werden Bezugnahmen auf verschiedenen Bedeutungsebenen dargestellt. Das zweidimensionale Bedeutungsnetz gewinnt Tiefe, eine dritte Bedeutungsdimension in der die Objekte Bedeutungsvektoren entwickeln, die auf jeder Stufe verschieden vernetzt sein können, aber im Durchgang durch die Tiefe (die neugewonnene dritte Dimension) eine Bedeutungsentwicklung erfahren lassen.

Paradoxien sind keine unvereinbaren Gegensätze, sondern die Chance, im Nachvollzug der zwischen ihnen und der ihnen zugrunde liegenden Bedeutungsspanne eine Situation in ihrer Bedeutungstiefe zu erfahren, auf die der Paradoxie zugrunde liegende Grundkategorie zu stoßen, die eine zwar nicht logische, aber sinn-volle Auflösung dieser Paradoxie in einen tieferen Sinnzusammenhang erlaubt. Diese Auflösung ist jedoch oft nicht mit Denken zu erreichen, sie ist oft auf anderen Empfindungs- und Wahrnehmungsebenen angesiedelt.

Bildlich kann man sagen, daß Paradoxien sozusagen zwei Enden einer Wirklichkeitswaage bilden.
Ohne das eine oder andere zueinander paradoxe Ende gäbe es die Waage nicht, und werden beide Enden nicht entsprechend gewichtet, ist die Waage nicht im Gleichgewicht und hängt auf einer Seite durch. Die Kunst ist es, einmal beide Enden der Waage zu sehen und zu akzeptieren und die Proportionen der Waage nachzuvollziehen, um zu wissen, wie stark die beiden Enden gewichtet werden müssen (Und vielleicht gibt es ja auch 3 oder 4 oder viele Enden).